Unterstützte Kommunikation (UK) an der Hansaschule

Unterstützte Kommunikation umfasst alle Hilfen, die Kinder nutzen können, die mit ihrem Mund, also lautsprachlich, nicht oder nicht ausreichend sprechen können. Diese Kinder werden oft von ihrem direkten Umfeld gut verstanden, wenn sie sich in einem vertrauten Lebensumfeld befinden. Bei Menschen, die diese Kinder nicht so gut kennen, verstehen meist nicht, was diese Kinder mitteilen wollen. In einer Umgebung, in der nicht durch Erfahrung klar ist, was sie gerne möchten, ist es ihnen häufig unmöglich, ihre Wünsche und Interessen mitzuteilen. Das Erzählen von Ereignissen des Tagesverlaufs ist schwer und gelingt oft nicht. Hilfe gibt hier die Nutzung von Unterstützenden Kommunikationshilfen.



Was darunter zu verstehen ist, soll hier aus Sicht einer Schülerin beschrieben werden. Die Lehrerinnen, die diesen Text verfasst haben, haben sich bemüht, möglichst nah an dem zu bleiben, was diese Schülerin uns erzählen würde, wenn sie sprechen könnte. Mittlerweile ist die Schülerin schon einige Jahre älter. Die Erklärungen sind jedoch weiterhin sehr schön erzählt:

      

Ich heiße Melike. Ich bin seit 2 Jahren auf der Hansaschule. Ich kann schon ganz viele Sachen machen. Ich kann tolle Sachen basteln, meinen Namen schreiben, die Namen der anderen Kinder lesen und bis 10 zählen. Aber ich kann nicht so gut sprechen. Ich kann „Ane“ sagen. Das ist „Mama“ auf Türkisch. Oft möchte ich den anderen Kindern und den Lehrern etwas sagen. Etwas, das mir wichtig ist. Etwas, über das ich glücklich oder traurig bin. Etwas, das mich wütend macht. Etwas, über das ich einfach nur lachen kann. Das kann ich dann nicht sagen. 


                                               

Als ich an die Schule gekommen bin, habe ich mich gar nicht getraut, irgend etwas zu machen. Oft war ich traurig und musste weinen. Ich konnte nur auf Dinge zeigen, die ich haben wollte. Viele Kinder und Lehrer haben mich nicht verstanden.
Doch da haben sich meine Lehrer etwas Tolles ausgedacht. Sie haben mir beigebracht,mit Bildern und Händen zu sprechen.
Wenn sie eine Frage stellten, zeigten sie mir dazu Karten. Darauf waren Fotos oder Bilder zu sehen. Ich konnte auf ein Bild zeigen und so eine Antwort geben. Sie fragten: „Welche Jahreszeit haben wir?“

                                            

                                                                                     


Ich habe auf das richtige Bild gezeigt.

Im Unterricht können die Schüler mit Kommunikationskarten unterstützt werden. Abgebildet sind zur individuellen Unterrichtssituation passende Begriffe. Verwendet werden Fotos, Symbole und auch Schrift. Die Schüler bekommen die Karten gezeigt und können nun die passenden Bilder heraus suchen. Es werden, je nach den persönlichen Fähigkeiten des Schülers, unterschiedlich viele Karten angeboten. Ausgewählt werden kann mit der Hand, durch Zeigen oder Abreißen, aber auch mit den Augen, durch Anschauen der entsprechenden Karte.

Außerdem lernte ich mit meinen Händen zu sprechen.


Die Gebärden benutzen in unserer Klasse alle Kinder, so dass ich mich dabei gar nicht komisch fühle.

                    

Damit wir unsere Lehrer besser verstehen können, sprechen sie auch oft mit den Händen, wenn sie etwas sagen.

Die Nutzung von sprachbegleitenden Gebärden durch Lehrer und Schüler erleichtert das Verstehen. Viele Kinder können nur einzelne Wörter der gesprochenen Sprache umsetzen. So gibt es in der Kommunikation häufig Missverständnisse. Wenn die wesentlichen Wörter eines Satzes mit Handzeichen begleitet werden, können die Schüler diesen häufig besser nachvollziehen. Ein Wort, das gemeinsam mit einem Handzeichen gelernt wird, können sich die Kinder besser merken.
Auch die Kinder nutzen Gebärden, um sich besser verständigen zu können, wenn ihnen Wörter fehlen oder sie nicht ausreichend sprechen können. Gebärdenunterstütztes Sprechen hilft auch vielen Schülern mit grammatikalischen Strukturierungsschwierigkeiten. Sie lernen die Wörter in ihren Sätzen in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Nun konnte ich im Unterricht mit den Händen zeigen, was ich schon kann. Ich konnte sagen, welcher Wochentag ist. Ich konnte das Foto eines anderen Kindes suchen und an die Tafel hängen. Die Namen der anderen Kinder konnte ich schon lesen. Ich war sehr stolz, was ich jetzt alles sagen konnte.

Dann haben die Lehrer mir ein Kommunikationsbuch gemacht. Das ist ein Buch nur für mich. Darin sind viele Bilder. Auf die kann ich zeigen. Damit kann ich aussuchen, welches Kind neben mir sitzen soll. Ich kann sagen, was ich spielen will.

Ich kann zeigen, welches Essen schmeckt und welches nicht. Ich kann aber auch meiner Mama erzählen, was ich in der Schule gemacht habe. Ich kann in anderen Klassen nach etwas fragen. Oft gucke ich mir mit den anderen Schülern einfach die Bilder an. Ganz toll finde ich, dass ich endlich sagen kann, was ich gerne habe und was nicht. Ich wusste ganz schnell, welche Seite ich aufschlagen muss, wenn ich etwas zeigen will.


Das Kommunikationsbuch ist eine Sammlung von vielen Seiten, auf denen Bilder zu verschiedenen Themen abgebildet sind, z.B. Essen und Trinken, Räume in der Schule und zu Hause, Freizeit, Tiere, Gartenarbeit und eine Seite fürs Einkaufen. Aber auch soziale Aussagen, wie „Ich hab dich lieb.“, „Herzlichen Glückwunsch!“ oder „Lass mich in Ruhe!“, sind hiermit möglich. Die Schüler suchen die Seite mit dem entsprechenden Oberthema heraus und zeigen auf ein Symbol. Häufig müssen für eine Aussage verschiedene Symbole von unterschiedlichen Seiten miteinander verbunden werden. Der Kommunikationspartner muss dann diese Bilder in Zusammenhang mit der Situation in einer verbalsprachlichen Aussage formulieren. Wichtig ist, dass der „nicht-sprechende“ Partner die Richtigkeit der Interpretation bestätigt.

                              

Jetzt konnte ich schon viel erzählen.

Da bekam ich einen Small Talker. Das war toll. Das ist ein Computer, der für mich spricht. Ich kann auf viele Tasten drücken und dann spricht der Talker. Ich kann jetzt schon sagen: „Ich möchte bitte Kakao.“, „Ich brauche Hilfe!“, „Vanessea, komm mal bitte.“, „Ich gebe Gurken und Mais in die Schüssel.“ Oder „Das ist toll!“.

                

Ein Small Talker ist ein elektronisches Sprachausgabegerät, mit dem Kinder mit unzureichender Sprechfähigkeit Aussagen machen können. Sie können einzelne Wörter sagen, aber auch komplexe Sätze bilden und so umfassende Aussagen machen. Der Small Talker verfügt über das Anwenderprogramm „Quasselkiste“ oder „Wortstrategie“. Die einzelnen Wörter werden gebildet, indem verschiedene Bilder miteinander kombiniert werden. Man findet ein bestimmtes Wort unter einem Oberbegriff, z.B. sind alle Nahrungsmittel unter dem „Apfel“ gespeichert. Aber auch „essen“, „lecker“, „schmecken“ und „Frühstück“ fangen mit dem Apfel an. Ein zweites Symbol wird über eine Assoziationskette gefunden. So steht mittags die Sonne ganz oben am Himmel und das Mittagessen finde ich unter „Apfel“ und „Sonne“. Die Kinder merken sich die Tastenkombinationen jedoch häufig über das motorische Gedächtnis (d.h. die Erinnerung an die Bewegung der Hand auf den Tasten, um ein bestimmtes Wort zu erzeugen) und durch das reine Experimentieren und „Spielen“ mit dem Gerät.

                                                 

     Ich esse                                       heute                                    ein                                       Nutella                                 Brot.                 

                                                

                  Das                                     schmeckt                                                       lecker.

Der Talker ist an einem Halter an meinem Tisch. Wenn ich in den Stuhlkreis gehe, nehme ich den Talker mit. Das kann ich jetzt schon ganz alleine.
 
Meine Mama lädt den Talker abends immer auf. Einmal war er nicht geladen. Da hat der Talker laute Töne gemacht. Und danach war er aus. Ich war ganz traurig und habe geweint. Ich konnte doch jetzt nichts mehr mit dem Talker sagen. Zum Glück denkt die Mama fast immer daran, den Talker zu laden.

                       

Es gibt auch andere elektronische Sprachausgabegeräte an der Hansaschule. Auf dem Super Talker und dem Go talk 20 kann man Kommunikationsseiten mit 2 bis 20 Feldern gestalten und in einer Kommunikationssituation einsetzen. Diese Geräte werden u.a. in wiederkehrenden Unterrichtssituationen, wie dem Morgenkreis, bei Singspielen oder bei Gesellschaftsspielen genutzt.

            

Ein weiteres, komplexes Kommunikationsgerät an unserer Schule ist die Dina Vox mit der Benutzerstrategie Gateway. Auch hier können ganze Sätze gebildet werden. Zugrunde liegt jedoch ein Schachtelsystem. Das Kind hat eine Startseite mit Oberbegriffen und sucht z.B. die Erdbeere. Es drückt auf das Feld für Essen, wählt dann Obst/Gemüse aus und erreicht hierdurch die Seite, auf der sich die Erdbeere befindet.

     

Manchmal gehe ich in andere Klassen oder ins Büro, um etwas zu holen oder abzugeben. Da kann ich mit dem Talker sagen, was ich möchte. Oft ist das aber noch zu schwer für mich. Dann sprechen die Lehrer das auf einen kleinen Talker. Ich drücke in der anderen Klasse auf den kleinen Talker. Der sagt dann für mich, was ich möchte. Wenn ich wieder zurück bin, bin ich ganz stolz!

                                       
 

Es gibt „kleine“ Sprachausgabegeräte, auf denen eine Aussage schnell gespeichert und abgerufen werden kann. Hiermit kann ein Kind in einer spontanen Situation etwas sagen, ohne dass es erst die Benutzung eines komplexen Gerätes erlernen muss. Hierfür wird der Big mack und der go talk one genutzt.

Mit dem Step by Step kann man mehrere Aussagen hintereinander aufnehmen und in der gleichen Reihenfolge wieder abrufen. Wenn ein „kleines“ Sprachausgabegerät genutzt wird, können die Kinder nicht ihre eigenen Gedanken formulieren, sondern teilen das mit, was ihnen jemand anderes auf das Gerät gesprochen hat. Es gibt im Alltag jedoch vielfältige Situationen, in denen ein Schüler spontan etwas mitteilen möchte, die Nutzung einer komplexen Kommunikationshilfe aber zu lange dauern würde oder zu kompliziert wäre. Kinder wollen in anderen Klassen etwas fragen, Botengänge machen, zum Geburtstag gratulieren, bei einem Lied mitsingen... In all diesen Situationen sind die „kleinen“ Sprachausgabegeräte eine gute Ergänzung zu einem komplexen Kommunikationssystem.

Die anderen Kinder sind oft ganz neidisch auf meinen Talker. Ich habe viele Freunde in der Klasse. Aber an meinen Talker darf keiner! Höchstens Daniel.

Und manchmal Hakan. Aber sonst keiner! Das ist meiner!
 
Ich finde den Talker toll. Die Schule macht mir Spaß.

An der Hansaschule sind auch Kinder, die nicht so sprechen können und noch nicht so viel verstehen wie Melike. Sie müssen erst lernen, dass es etwas Wunderbares ist, Sprache zu gebrauchen. Für sie haben die „kleinen“ Sprachausgabegeräte, eine besondere Bedeutung. Sie können hiermit die Macht von Sprache durch ihr eigenes Tun erfahren. Es ist ein großer Unterschied, ob ein Lehrer gemeinsam mit einem Kind zu einem Mitschüler geht und sagt: „Der Peter will dir auch zum Geburtstag gratulieren.“, oder wenn Peter mit seinem go talk one vor dem Geburtstagskind steht und eigenständig Happy birthday singt.

Zuerst müssen diese Kinder lernen, dass es gut ist, auf einen Schalter oder ein Sprachausgabegerät zu drücken. Dafür gibt es spezielle „Knöpfe“, sie heißen Jelly bean. Man kann sie an elektrische Spielzeuge, wie das singende Schwein oder die Massagebiene anschließen. Wenn ein Kind dann auf den „Knopf“ drückt, passiert etwas Interessantes, Lustiges oder Schönes. Manchmal geht auch die Musik an und das finden viele Schüler dann besonders schön.

                 

Um zu lernen, dass so tolle Sachen passieren, wenn man einen Knopf drückt, brauchen viele Kinder einen ruhigen Raum. In der Klasse können sie vor lauter Geräuschen und anderen Kindern gar nicht bemerken, das sie es selbst waren, die den Kassettenrekorder angestellt oder das Schwein zum Singen gebracht haben. Deshalb haben wir seit April 2008 unseren SnUK-Raum (Snoozelen und Unterstützte Kommunikation). Es ist ein Raum, den man ganz dunkel machen kann. Dann leuchten dort schöne Lichter, man kann eine Blasensäule anmachen, schaukeln, verschiedenen Lampen an- und ausschalten oder mal so richtig Wind machen. Es ist ein Raum, in dem man Entspannen und einzelne Reize auf sich wirken lassen, aber auch vieles über Kommunikation lernen kann.

Das Besondere ist, das die Kinder selbst entscheiden können, welches der Angebote sie anschalten wollen und in welcher „Sinnesecke“ sie sich aufhalten wollen. Die Kinder können hier lernen, dass sie etwas mit ihren Handlungen bewirken und selbst über sich entscheiden können

                       

Neben speziellen Förderangeboten, wie dem SnUK-Raum und unterschiedlichen Fördergruppen ist die Unterstützte Kommunikation an der Hansaschule in vielen Klassen ein alltägliches Element des Unterrichts. Die Schüler sollen in ihrem täglichen Lebensumfeld lernen, unterstützende Hilfen zu nutzen und eigenständig einzusetzen.